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»Eine Reise in die eigene Kindheit«

Die gebürtige Münchnerin Gabriella Engelmann entdeckte in Hamburg ihre Freude am Schreiben. Nach Tätigkeiten als Buchhändlerin, Lektorin und Verlagsleiterin genießt sie die Freiheit des Daseins als Autorin von Romanen, Kinder- und Jugendbüchern. Märchen stand sie bisher skeptisch gegenüber –was sich mit »Weiß wie Schnee, rot wie Blut, grün vor Neid« schlagartig geändert hat.


Frau Engelmann…

2012 feiern die Grimmschen Märchen ihr 200jähriges Jubiläum. Mochten Sie die Grimm'schen Märchen als Kind?
Wie so viele Kinder bin auch ich damit aufgewachsen, hatte aber ein ambivalentes Verhältnis zu ihnen: Ich habe sie nämlich gleichzeitig geliebt, mich aber auch entsetzlich gefürchtet. Doch trotz des Grusels habe ich sie wieder und wieder gelesen – und entdecke sie heute vollkommen neu.

Mit welcher Märchenfigur könnten Sie sich am ehesten identifizieren? In welche Märchenrolle würden Sie mit Vorliebe einmal schlüpfen?
Das tolle an Märchen ist ja, dass die Figuren extrem viel Identifikationspotenzial bieten. Manchmal bin ich unsichtbar wie ASCHENPUTTEL, verschlafen wie DORNRÖSCHEN, gutgläubig wie ROTKÄPPCHEN und würde gern in einer Zwergen-WG leben wie SCHNEEWITTCHEN ;-) Eigentlich wäre es toll, mal in all diese Märchenrollen zu schlüpfen und den weiblichen Figuren zu zeigen, dass man heutzutage einiges anders/besser machen könnte.

Was war die größte Schwierigkeit dabei, ein Märchen in die reale Welt von heute zu übertragen?
Natürlich gab es einige Stolpersteine: Bei SCHNEEWITTCHEN musste ich erklären, warum die sieben smarten Jungs in der WG Zwerge heißen, und die Heldin selbst ein bisschen arg naiv ist. DORNRÖSCHEN schläft die meiste Zeit, was bei einem Roman mit 220 Seiten eine ziemlich schnarchige Angelegenheit ist. Und ASCHENPUTTEL muss die ganze Zeit putzen, und darf nicht auf den Ball und ein echter Wolf hat in meiner modernen Version an sich nichts zu suchen, oder ?!?.
Doch gerade diese Herausforderungen haben das Schreiben zu einem besonderen Vergnügen gemacht. Je härter die Nuss, desto mehr Spaß hatte ich daran, sie zu knacken.

Welche Märchen-Umsetzung fiel Ihnen bisher am leichtesten?
Obwohl ich ursprünglich mal behauptet habe, NIE IM LEBEN schreibe ich Aschenputtel um: Cinderella. Vermutlich weil ich selbst manchmal dazu neige, mich unsichtbar zu fühlen. Und weil ich sowohl schöne Kleider als auch das Tanzen liebe.

Brauchen junge Frauen von heute noch einen Prinzen, der sie rettet und vor allem Bösen beschützt?
Mal überlegen, gibt es heute noch Prinzen? Nein im Ernst: Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch erst einmal stark genug sein sollte, um alleine durchs Leben zu kommen. Aber natürlich ist es sehr viel schöner, dabei jemanden an seiner Seite zu haben – egal ob Prinz, Fee, beste Freundin oder Familie.

Was hat Sie daran gereizt, nach Büchern für Erwachsene eine Geschichte für junge Menschen zu schreiben?
Die Möglichkeit der Reise in meine eigene Kindheit. Plötzlich wurde alles wieder präsent und lebendig. Als sei es gerade gestern gewesen, dass ich aus lauter Angst vor Gespenstern unter der Matratze mit Anlauf in mein Bett gehopst bin. Oder dachte die Schatten an der Wand seien Hexen und böse Zauberer. Außerdem hat es großen Spaß gemacht, mich an meine erste Liebe zu erinnern: an das Kribbeln, die Unsicherheit, den ersten Kuss...

Haben Sie bestimmte Rituale beim Schreiben?
Ich würde gern behaupten, dass ich erst mal irgendwelche Mantras spreche, Kerzen entzünde, oder nur dann schreiben kann, wenn der Vollmond schräg auf meinen Laptop scheint und Hexen ums Haus reiten. Die Realität ist aber eher unspektakulär: Ich setze mich an den Schreibtisch, trinke grünen Tee und hoffe, dass mir was einfällt. Wenn es so ist, schreibe ich drauf los, bis ich müde bin. Meine Highlights sind immer die Recherchen. Zu überlegen, wo all diese Märchenfiguren wohnen könnten und die jeweiligen Orte zu fotografieren finde ich einfach grandios!

Sie haben selbst als Buchhändlerin, Lektorin und Verlagsleiterin gearbeitet, bevor Sie Autorin geworden sind. Was macht für Sie einen guten Autor aus?
In erster Linie muss ein Autor eine gute, fesselnde Geschichte erzählen können. Mit welchen stilistischen Mitteln er dies tut, ist fast egal. Ich muss als Leser mit den Figuren mitfiebern, lachen, weinen, an ihrem Schicksal teilnehmen. Wenn ich neben dem guten Gefühl, mich gut unterhalten zu haben, auch noch etwas Zusätzliches mitnehmen kann – also etwas erfahren, oder lernen konnte, umso besser. Und eins ist wirklich Gold wert und leider selten: Autoren, die ihre Leser zum Lachen bringen können. Das ist schon eine ganz besondere Gabe.

Für wen eignen sich Ihre Bücher?
Ich würde sagen für alle Leser ab ca. zwölf Jahren – nach „oben hin“ unbegrenzt. Märchen sind ja für alle Altersklassen gedacht. Da ich in den Büchern romantische Liebesgeschichten mit spannenden Thrillerelementen mixe, dürften sich eigentlich alle angesprochen fühlen, die generell gern lesen.

Haben Sie literarische Vorbilder? Was lesen Sie selbst gern?
Ich habe keine klassischen Vorbilder im Sinne von Wenn ich doch nur schreiben könnte wie x, y. Aber ich mag humorvolle Autoren wie Kerstin Gier, Daniel Bielenstein, Steffi von Wolff. Und ich entdecke gerade Bücher wie „Der Märchenerzähler“ von Antonia Michaelis, das mich total umgehauen hat. Außerdem beäuge ich neugierig, was die Buch-Blogger-Szene fasziniert. Da finden sich viele tolle Buchtipps!

Planen Sie weiterhin für Jugendliche zu schreiben?
Wenn man mich lässt ;-) Nach dem "Rotkäppchen" folgt im August "Goldmarie auf Wolke 7 – eine himmlische Liebesgeschichte", eine Adaption von Frau Holle. Ich liebäugle momentan damit, die Geschichte der sieben Zwerge aus "Schneewittchen" weiter zu erzählen, da JamieTim & Co. mittlerweile eine große Fangemeinde haben. Außerdem gibt es da noch ein ganz neues Projekt, aber das ist noch streng geheim.

Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal eine Geschichte für Jungs zu schreiben?
Ich habe „Dornröschen“ kapitelweise aus der Ich-Perspektive des Prinzen erzählt, was mir riesigen Spaß gemacht, mir aber teilweise Kopfschütteln bei männlichen Kollegen eingebracht hat. „Der Prinz denkt zu mädchenhaft“ war noch einer der charmantesten Kommentare ;-). Aber alles in allem scheint es doch ganz gut geklappt zu haben. Im Grunde meines Herzens bin und bleibe ich aber ein echtes „Mädchen.“

Ihr aktuelles Märchen ist "Küss den Wolf". Welchen Ratschlag würden Sie den Rotkäppchen von heute mit auf den Waldweg geben? Hütet euch vor den Verlockungen und Verführungen, die euch von eurem eigenen Weg abkommen lassen! Und zwar nicht, weil ihr dann vom bösen Wolf gefressen werdet, sondern weil dann Gefahr droht, sich selbst untreu zu werden. Ansonsten: Habt keine Angst, und vertraut in eure eigene Stärke. Die ist größer und mächtiger als alles andere! …